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„Je suis Karl“: Rechte im Slimfit-Jackett

Ein Terroranschlag und die Folgen: Christian Schwochow über sein Drama „Je suis Karl“.

10.09.2021
Alex (Milan Peschel) ist Ehemann und Vater dreier Kinder. Als er eines Tages nach Hause kommt, fällt ihm ein, dass er den Wein im Auto vergessen hat, und geht nochmal runter, raus aus dem Berliner Mietshaus, in dem er mit seiner Familie wohnt. Da hat er das Paket, dass er gerade übernommen hat, in den Flur gestellt. Als er unten beim Auto ist, zerfetzt es die Bombe in diesem Packerl und das halbe Haus fliegt in die Luft. Ein Terroranschlag, der fast seine ganze Familie auslöscht, ein Ereignis, das er nicht fassen kann und niemals fassen wird.
Der Beginn von "Je suis Karl" (ab Freitag im Kino) stimmt die Zuschauer darauf ein, was kommt: AlexTochter Maxi (Luna Wedler) war beim Anschlag nicht zuhause und fällt wie ihr Vater ins Bodenlose. Ihre Wut und ihre Ratlosigkeit schlagen bald um in eine Sehnsucht, sich verstanden und geliebt fühlen zu wollen. Ihr vermeintliches Heil findet Maxi in dem charismatischen, jungen Karl (Jannis Niewöhner), der sie aufzufangen scheint. Karl ist Mitglied einer politischen Bewegung, und reißt Maxi aus ihrer Trauer. Doch bei einem Jugendtreffen in Prag dämmert es Maxi erstmals, mit wem sie sich da eingelassen hat: Die rechte Bewegung von Karl hat mit Europa noch viel vor.

Regisseur Christian Schwochow im Interview:

Was war die Grundidee zu „Je suis Karl“?
Christian Schwochow: Es geht um die Verführung, die einem im Moment schwerer Belastung wie eine Rettung vorkommt. Ich hatte vor "Je suis Karl" mit "Mitten in Deutschland: NSU" bereits eine Arbeit über rechte Gruppierungen und ihre Organisation gedreht wollte nun weiter an den Mechanismen forschen, die zu gesellschaftlicher Radikalisierung führen können. Wie verführbar sind wir für radikale Gedanken und vor allem für radikales Handeln? Wie gefestigt sind wir wirklich, um uns gegen Angriffe durch starke politische Parolen, aber auch durch Menschen im nahen Umfeld zu schützen, die sich immer deutlicher aus der Deckung wagen und in ihren Haltungen radikalisieren? Wir wollten und mussten einen Film machen, der uns beim Beantworten dieser Fragen wehtut.

Der Film entstand in der Gegend Berlins, in der sie selbst leben. Wieso?
Ich drehte „Je suis Karl“ ganz bewusst in Berlin-Friedrichshain, meinem Wohnbezirk, um für mich selbst herauszufinden, was es bedeutet, wenn man die gewohnte Sicherheit, die Geborgenheit des Wohnortes plötzlich durch einen solchen Anschlag verliert. Es muss erschütternd sein, wenn man emotional, moralisch und politisch plötzlich den Boden unter den Füßen verliert.

Sie zeichnen eine rechtsradikale Szene, die vor allem durch Mäßigung und gut gekleidete Menschen auffällt.
Es ist nicht mehr die klassische Neonazi-Szenerie, sondern begibt sich auf die Suche nach den "modernen" Rechten, die nicht mehr Nazi-Parolen grölen und die Hand zum Gruß erheben, sondern die im adretten Slimfit-Jackett gute Laune verbreiten. Eine neue Generation an Rechten wächst heran. Dazu genügte der Blick auf äußerliche Dinge wie die Kleidung einiger Besucher im Gerichtssaal während des NSU-Prozesses in München, den wir viele Tage vor Ort verfolgt hatten. Plötzlich gab es Rechte, die wie Leute von der Antifa rumliefen. Dann kam die AfD, die Flüchtlingskrise und plötzlich gab es einen gesellschaftlichen Umbruch und eine ganz neue Stimmung in Deutschland.

Wieso sind diese neuen Rechten so schnell salonfähig geworden?
Weil sich die Szene mit ihren eindeutig menschenverachtenden Parolen und Umsturzfantasien in völlig neuem Look zeigt, mit moderner Symbolik, feschen Slogans und verwirrenden Begrifflichkeiten, die ihre Absichten verschleiern. Plötzlich gibt es junge, attraktive, schlaue Rechte, die mehrere Sprachen sprechen, vielleicht in Oxford studiert haben und ihre Ideologie als modernen, patriotischen Lifestyle anbieten.

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